Pflichtlektüre für die Landwirtschaftsminister

David R. Montgomery: „Dreck“, oekom-Verlag, München 2010, 347 Seiten

Staub statt Ertrag: Feldarbeit bei Brandenburg/Havel.
Staub statt Ertrag: Feldarbeit bei Brandenburg/Havel. (AP)

Aufgerissen, erodiert und ausgelaugt: Durch hemmungslose Ausbeutung schwinden weltweit wertvolle Bodenschichten, Hungersnöte und Kriege könnten die Folge sein, warnt der Geologe David Montgomery. Helfen könne nur noch ein Umstieg auf ökologische Landwirtschaft.

Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab: Erderwärmung, Zerstörung der Urwälder, Wassernot und Artensterben. Jetzt steht die nächste Katastrophe ins Welthaus. Diesmal geht um nicht mehr und nicht weniger als die Grundlage unserer Ernährung, und das ist der Boden, auf dem wir stehen. Ohne fruchtbare Böden gibt es kein Obst, kein Gemüse, keine Ackerfrüchte, kein Viehfutter. Nur eine bis zu einem Meter dünne Schicht sichert die Ernährung der Menschheit. Und eben dieser nährstoffreiche Oberboden schwindet weltweit rapide.

Ist er erst einmal verloren, dauert es Ewigkeiten, bis er sich wieder neu gebildet hat. Ein bis zwei Zentimeter pro Jahrhundert wächst ein nährstoffreicher Boden dank Regenwürmern und zahlreichen anderen Bodenorganismen, die Stickstoff, Kalium und Phosphor freisetzen, also jene Nährstoffe, die Pflanzen zum Wachsen brauchen.

Die wundersame Welt der Bodenflora und -fauna, der Bakterien und Pilze ist leider nicht das Thema von „Dreck“. Dafür konzentriert sich David Montgomery auf die Geschichte der Bodenerosion, die mit dem Ackerbau und der Viehwirtschaft einsetzt. Anhand von historischen Bodenprofilen versucht der Geologe nachzuweisen, dass die großen Imperien der Vergangenheit nicht zuletzt an ihrem verantwortungslosen Umgang mit dem Boden zugrunde gegangen sind.

Seine These: Mit dem Aufstieg der Kulturen wuchs die Bevölkerung – und damit auch der Nahrungsmittelbedarf. Die fruchtbaren Böden waren ohne ausreichenden Düngernachschub binnen weniger Generationen ausgelaugt. Vom Pflug aufgerissen, trugen Regen und Wind zentnerweise Erde fort. Die Ernteerträge gingen drastisch zurück. Nicht zuletzt deswegen unterwarf man fremde Völker: um sich deren Ernten einzuverleiben. Das Römische Reich etwa lebte, nachdem die italienischen Böden massiv degradiert waren, von Getreideeinfuhren aus Ägypten. Selbst viele für ihren angeblich schonenden Umgang mit der Natur gepriesene Urvölker beuteten ihre Böden hemmungslos aus und gingen unter.

Doch auch die Neuzeit scheint nichts dazugelernt zu haben. Zwar haben Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel Mitte des letzten Jahr-hunderts zu einer massiven Steigerung der Erträge pro Hektar ge-führt, aber die industrialisierte Landwirtschaft hat, so der Autor, zugleich den Humusabbau beschleunigt, mit Pestiziden und Kunstdünger zahllose Bodenorganismen getötet und die Böden erschöpft. Ohne Kunstdünger tragen sie kaum mehr Früchte. Kunstdünger basiert aber auf Erdöl, und dessen Zeitalter geht zu Ende.

Seine Thesen belegt Montgomery an zahlreichen Beispielen von der Antike bis zur Neuzeit. Seine Fakten präsentiert er klar und deutlich. Er plädiert für einen Umstieg auf eine ökologische Landwirtschaft, die statt zu pflügen die Böden nur noch eggt, Pflanzenreste und Tierdung ausbringt, stickstoffbindende Zwischenfrüchte aussät. Die Ernteerträge entsprechen durchaus denen der konventionellen Landwirtschaft.

Eindringlich warnt der Geologe davor, so weiterzumachen wie bisher. Sind die Böden erst einmal degradiert oder verloren, kann sie auf absehbare Zeit nichts mehr zurückbringen. Hungersnöte, der Kollaps ganzer Gesellschaften, Kriege könnten die Folge sein. Ein Buch, das in die Hand eines jeden Landwirtschaftsministers gehört.

Besprochen von Johannes Kaiser

David R. Montgomery: Dreck. Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert
Aus dem Englischen von Eva Walter
oekom-Verlag, München 2010
347 Seiten, 24,90 Euro

Quelle: http://www.deutschlandradiokultur.de/pflichtlektuere-fuer-die-landwirtschaftsminister.950.de.html?dram:article_id=139270

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