Warum engagiere ich mich? Gedankenspuren…

Ich will für eine  Landschaft eintreten die in meinem Leben sehr  bedeutsam gewesen ist und bedeutsam bleiben wird… es ist der Schönbuch!

Ebene Fluren, aufsteigende Höhen, Bergrücken, Einschnitte, Hügel, Mulden, Täler modellieren die Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere, Menschen, Siedlungen.

Kindheit, ich erinnere mich an Bachläufe an deren Ränder eingefasst mit Sauergräsern, dem Mädesüß mit seinem Duft, bäuchlings liegend den Wurzelausläufern mit den Fingern folgend der Versuch, die Krebse in dem klaren Wasser hinter den Zangen zu erhaschen.

Dem nimmermüden Unterfangen die Elritze mit bloßen Händen zu gewinnen, Buschwindröschen in den lauen Frühlingslüftend bebend, Himbeerranken, Gewitterstürme, Steinpilze an stillen moosgesäumten Orten, farbiges Blattwerk, tiefstehendes Sonnenlicht mit langen Schatten, Nebelschwaden, Schneekristalle, feines Knistern auf der Laubspreu.

Ich spreche von den Buchen, den Eichen in mächtige Kronen aufstrebend, lichtdurchflutet in den Himmel eintauchend, Rippengewölbe, Spitzbögen, Strebepfeiler, Verbindung zwischen Erde und Himmel. Dunklem Fichtengrund in seinen Wipfeln leiser Wind…

Ein Lager angelehnt an die Sturmwurzel einer Fichte, der Boden  ausgekleidet mit Moos. Sein Standort geheim, Eingeweihten allein bekannt.  Ich erinnere mich an die Zelte, an die Feuer, Gitarren- klang, Lieder… Erfahrungen in der Gruppe

Ich versichere Ihnen, dass ich das keckernde Eichhörnchen kenne, die Haselmaus unter Sträuchern gesehen habe, dass ich mich über das Kreischen des Eichelhähers ärgerte, wenn er  meine heimliche Anwesenheit kundtat. Ich habe dem Ruf der Käuzchen gelauscht der vom Mondlicht begleitet an mein Ohr drang. Ganz ohne Furcht im Zwielicht, warme Luft berührte das Hemdchen, den Leib, im Ohr pochte das Blut- aufmerksam ins Dunkle gerichtet.

Ich bin den  Besonderheiten der Sandsteinblöcke oberhalb der Schwende gefolgt und zwischen den Moosen, den Gräsern, an den Stammansätzen fand ich die verschiedensten Lebenszeichen. Ich sank an nassen Stellen ein, durchdrang Jungbestände, ließ mich an den Kronen der Buchen nieder.

Ich erinnere mich der Mühe unseren jährlichen Holzvorrat einzubringen – sägend, schleppend, stolpernd, stapelnd, die Abfuhr nach Hause, Langholz das eingekürzt werden musste, gemeinsame Vesper…

Ich kenne die Arbeit mit Spaltblock, Axt und Hacke, weiß Scheite in stabilen Schichten aufzustapeln, empfinde die kalte Winterluft, erinnere mich der Wege mit dem Holzkorb, an die  Spächtele und an das Streichholz … ein Feuer machen, warme Zimmer, Küchendüfte, an das Tellergeklirr und den Ruf der Mutter.

Mit dem Untergang der Sonne endeten die Felder und Fluren. Der Blick stieß dann auf einen dunkler werdenden Waldriegel, Abschluss des Sehfeldes – zurück nach innen…

Kriegsende, Ankunft und Neuanfang der Familie in einer kleinen Gemeinde am Rande des Schönbuchs, Orientierungsversuch in einer neuen Umgebung, Eingesessene, die Fremde, damals waren es wir Flüchtlinge, nicht mochten…

In der Landschaft von der ich spreche fand ich die lebensnotwendige Freiheit, die ich vonnöten hatte, in der ich auftauchen konnte

Ich war unterwegs, gewann Einblicke, Naturwissenschaft… Pädagogik, ein Kunststudium in Wien. Ich war  an einer Schule tätig. Von meiner Arbeit hat man gesagt, dass ich sie engagiert getan hätte.

Der Lebensraum Wald, die Aneignung der Natur durch den Menschen, die Achtung vor der Schöpfung waren mir wichtige Inhalte in der Erziehung  unserer Söhne und in meiner Berufstätigkeit als Lehrer. In Zusammenarbeit mit der Forstverwaltung Herrenberg ist ein Projekt entstanden, welches  durch seine Grundüberlegungen und deren Verknüpfung Anerkennung in Fachkreisen fand.

Ich will für den Schönbuch eintreten, der Ihnen, der mir vertraut ist – dem unsere gemeinsame Wertschätzung gilt.

Um diesen Schönbuch soll es gehen. Anlass dazu ist die Sorge um den Verlust der Bodenfruchtbarkeit. Geologen weisen eindringlich auf Schäden die entstanden sind, auf die Störung der Pufferwirkung, des Filtersystems, auf den Stickstoffeintrag und ganz besonders auf die schweren Störungen durch die mechanische Belastung, ausgelöst durch Forstmaschineneinsätze.

Ein wertschätzender Umgang mit den Böden im Schönbuch ist für uns alle von allergrößter Bedeutung.  Ich hoffe und wünsche, dass dies bald gelingen kann.

Nachlese zum Schönbuch als Wald des Jahres 2014!

Liebe Freunde der Initiative Waldkritik,
am 23.1.2015 hat der Forst BW auf Youtube einen Rückblick auf das Jahr 2014, in dem der Schönbuch „Wald des Jahres war“ veröffentlicht.

Nichts liegt uns ferner als die „Ewigen Miesepeter“ zu geben, die mit ihrer ständigen Nörgelei die wunderbare, feierliche Stimmung des Videos über den Schönbuch und seine edlen, beschützenden und pflegenden Grünen Ritter vom Forst BW, zu durchkreuzen.

Aber seht Euch doch mal die nachfolgenden Bilder an, die wir an einem „normalen“ Dienstag, den 13. Januar 2015, im Schönbuch, kurz vor Mittag, fußläufig, in einer knappen Stunde fotografieren haben und leider zur Kenntnis nehmen mußten.
Waldbodenschaeden_im_Schoenbuch
Sieht so ein pfleglicher Umgang mit dem Wald aus, wie er uns im Film des Forst BW weiter unter suggeriert wird? Klar solche Bilder hätten natürlich auch nicht in Drehbuch gepaßt! Zweifellos kann man zu Fuß und bei Radtouren den Schönbuch in all seiner Schönheit genießen, aber, liebe Freunde, woran liegt das, das liegt doch wohl in erster Linie an der Großartigkeit der Natur! Die in ihrer Großzügigkeit immer wieder verzeiht und viele Sünden des Menschen an ihr zu heilen versucht wenn Sie sich auch vieler Orts immer schwerer damit tut, vor allem in Zeiten des Klimawandels!

Was in dem Film dargestellt wird, ist ein Etikettenschwindel. Hier benutzt der Forst BW Leistungen Anderer, in diesem Fall der Natur, um sie sich selbst auf seine Fahne zu schreiben. Hier wäre etwas mehr Bescheidenheit und Ehrlichkeit angebracht!

Dieses wunderbare Naturschauspiel, daß uns der Schönbuch entlang des gesamten Jahreslaufes bietet, ist aber nur die eine Seite, die man aber nicht mit der anderen Seite verrechnen kann und darf und das sind die Wunden, die die Menschen dem Wald und seinem Boden immer wieder zufügen.

Und solange das so ist, werden wir unsere Finger auch in die Wunden legen müssen, ohne die Schönheit der Natur darüber zu vergessen …

Nach dieser kleinen Vorrede, sehen Sie nun die Nachlese des Forst BW zum Schönbuch als Wald des Jahres 2014. . .

Ein Kommentar aus der Kunst zu unserem letzten Beitrag!

Liebe Freunde der Initiative Waldkritik,

unser Mitstreiter – Harald Kunz – wurde von unserem letzten Beitrag so stark angesprochen, daß er spontan die nachfolgende Zeichnung unter dem Titel „. . . wir schaffen unverwechselbaren Lebensraum“ geschaffen hat.
Wie es immer so ist: ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Wir freuen uns, hier ein besonders gelungenes Beispiel für diese Aussage Ihnen präsentieren zu dürfen …

Bild006

2015 ist das Jahr des Bodens

Liebe Freunde der Initiative Waldkritik,

anläßlich des Jahres des Bodens haben wir uns entschlossen, in loser Folge immer wieder besonders ‚gelungene Beispiele‘ der Bodenzerstörung hier zu veröffentlichen.Waldboden_Schönbuch_14I15_001

Wenn man besonders zynisch sein wollte, was wir natürlich nicht sind, könnte man bei dem obigen Bild auch auf die Idee kommen, daß hier fleißige Hände samt ihrer Maschinen am Werk waren, um möglichst viele neue Feuchtbiotope für die berühmte Gelbbauchunke und ihre Kollegen einzurichten.

Die Fahrspuren halten das Wasser wunderbar, wie man auf dem Bild unschwer erkennen kann, denn der Waldboden wird nach unten hin perfekt verdichtet, sodaß in den nächsten 10 bis 20 Jahren sicher nichts passieren wird, in dem Sinne, daß der Boden wieder seine ursprünglich Lebenskraft zurückgewinnt.

Bei Forstwirtschaft und Waldernte haben wir ein fantastisches Beispiel, wie bei uns ökonomisch ertragreiches Wirtschaften funktioniert, die einen machen die Profite und die anderen zahlen die Zeche, wir holen uns aus dem Wald, was wir für unsere Wirtschaft brauchen und wir geben dem Wald seine eigene Zerstörung zurück. Denn müßten wir nach dem Grundsatz vorgehen, daß niemand sehen kann, daß wir im Wald geerntet haben, müßten wir also die Schäden, die wir anrichten, wieder perfekt reparieren, dann würde das Holz endlich den Preis bekommen, den es wirklich hat und nicht den, der der sogenannte freie Markt generiert.

Wir müssen uns doch alle selbst immer wieder fragen, sollen wir wirklich unsere Lebensgrundlagen zerstören, zu denen nunmal ein intakter Wald auf einem intakten Waldboden gehört, nur um z.B. an billiges Brennholz für unsere neumodischen Palettöfen zu gelangen.

Man muß zugeben, daß ist polemisch argumentiert, aber ist es nicht auch polemisch und lebensverachtend, wenn wir durch unseren Maschineneinsatz in Wahrheit Waldböden zerstören und dann noch gleichzeitig die Feuchtbiotope, sozusagen als moderne Industrieruinen, dann wieder als schützenswert erachten, um ein paar Jahre später 10 Meter weiter wieder neue Bodenzerstörung betreiben …

Fortsetzung folgt!

Das Leitbild des Forst BW

Sehr gut ist es, wenn die Forstwissenschaft den Spuren der Natur und nicht denen der Maschinen folgt – denn nur dann, folgt die Waldwirtschaft auch den Spuren der Natur!Atalanta_fungiens

Deshalb ist es wunderbar, daß man im Leitbild des „Forst Baden Württemberg“ auch folgendes lesen kann (Hervorhebungen von der Redaktion / runtergeladen am 28.7.2014 / 22.10 Uhr):

Zukunft für den Wald, Zukunft für die Menschen.

Unsere Gesellschaft stellt hohe Ansprüche an den Wald. Er soll Holz liefern, dem Wild sowie seltenen Tieren und Pflanzen einen Lebensraum bieten, zu Spaziergängen einladen, für saubere Luft, ausgeglichenes Klima sowie frisches Wasser sorgen. Diese Ansprüche bilden die Basis unserer Arbeit.

Grundlage unseres Handelns ist der Nachhaltigkeitsgedanke, den wir konsequent anwenden: Dem Wald wird nur jener Rohstoff entnommen, den er auch nachproduziert. Alle Waldfunktionen werden gleichrangig und dauerhaft für heutige und nachfolgende Generationen gesichert.

Hand in Hand mit diesem ökologischen Ansatz geht auch die ökonomische Perspektive: Erwirtschaftete Überschüsse kommen sowohl der Substanz des Betriebes als auch den von uns im ökologischen und sozialem Bereich erbrachten Leistungen zu gute.

Diese Aufgabe verlangt von uns, dass wir zwischen den unterschiedlichen Interessen von Waldbesitzern, Bürgern und Politik vermitteln und sachgerechte Lösungen erarbeiten.
Ein großer Erfahrungsschatz und das Wissen von Generationen kommt uns dabei zu gute; durch Forschung sowie intensive Aus- und Fortbildung sorgen wir dafür, dass uns diese Kompetenz erhalten bleibt.

Die gleichzeitige Erfüllung dieser unterschiedlichen Aufgaben und Erhalt des Ökosystems Wald realisieren wir mit dem Konzept der naturnahen Waldwirtschaft.

Wir schaffen Zukunft – vertrauen Sie uns!“

Quelle: http://forstbw.de/forstbw/leitbild.html

Ja es ist gut, wenn die Forstwissenschaft den Spuren der Natur und nicht denen der Maschinen folgt – denn nur dann, folgt die Waldwirtschaft auch den Spuren der Natur!

Waldböden erneut viel zu weich

Liebe Freunde der Initiative „Waldkritik“,

im Gäuboten konnte man vor einigen Tagen eine Aussage von Reinhold Kratzer, Leiter des Kreisforstamts, lesen, die er im Finanzausschuss des Gemeinderates Herrenberg gemacht hatte.

Sicher wird es den ein oder anderen von Ihnen interessieren, den Artikel auf der website des Gäuboden zu lesen: http://www.gaeubote.de/index.php?&kat=10&red=24 artikel=110800570&archiv=1

Zu dem Artikel erschienen umgehend einige Leserbriefe, die wir ebenfalls hier verlinken möchten:

Leserbrief von Herrn Koch: http://www.gaeubote.de/index.php?&kat=18&artikel=110806727&red=24&ausgabe=

Leserbrief von Herrn Kühl: http://www.gaeubote.de/index.php?&kat=18&artikel=110810615&red=24&ausgabe=

Leserbrief von Herrn Kunz: http://www.gaeubote.de/index.php?&kat=18&artikel=110809311&red=24&ausgabe=

Am Rande gelesen …

Anläßlich einer Neujahrs-Tagung mit dem Thema „Ökonomie kontra Ökologie?“ freuen wir uns, hier ein Interview abzudrucken, das wir am Rande der Tagung mit Herrn Dr. Mayer-Wabach führen konnten. Mayer-Wabach gilt als Vordenker einer postmodernen, ökologisch-sozialen Marktwirtschaft. Von diesem Denkansatz aus kritisiert er auch immer wieder den Umgang mit dem deutschen Wald. Das Interview führte unser Redakteur, Herr Müller, am 6. Januar 2015.Till_auf_dem_Harvester

Herr Müller: Zum Jahresauftakt 2015 darf ich Sie, Herr Dr. Mayer-Wabach, ganz herzlich in unserer Redaktion begrüßen. Herr Dr. Mayer-Wabach, Sie gelten als Kritiker ‚unseres‘ Umgangs mit dem deutschen Wald, gleichzeitig eilt Ihnen der Ruf voraus, ein Vordenker einer postmodernen, ökologisch-sozialen Marktwirtschaft zu sein.
Können Sie unseren Lesern etwas darüber verraten, was Sie an unserem Umgang mit dem Wald kritisiieren und wie Sie sich eine neue, eine andere Waldwirtschaft vorstellen würden. Sie sagen ja  immer wieder, wir machen schon vom Prinzip her vieles falsch – aber falls wir wirklich etwas falsch machen sollten, wie könnten wir es denn Ihrer Meinung nach besser machen?

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Ja Herr Müller, die Antwort auf ihre Frage ist vom Prinzip her erstmal ganz einfach. Wie alles auf unserem „Heimatplaneten Erde“ ist auch der Wald inzwischen zu einem reinen Wirtschaftsraum geworden, über den ausschließlich Zahlen noch etwas Objektives auszusagen scheinen. Aber mit den Zahlen ist es wie mit der Technik insgesamt, ursprünglich entwickelt, um dem Menschen zu dienen, dient der Mensch und der Wald inzwischen den Zahlen und der Technik.

Herr Müller: Ein interessanter Ansatz Herr Mayer-Wabach, aber können Sie das für unsere Leser noch etwas näher und wenn möglich auch anschaulicher erläutern.

Herr Dr. Mayer-Wabach: Selbstverständlich – ich gebe ihnen gerne ein Beispiel. Über Jahrhunderte haben Holzhauer und Holzrücker unter schwerer körperlicher Arbeit das Holz für die unterschiedlichen menschlichen Bedürfnisse aus dem Wald geholt und es den Menschen bereitgestellt, der Wert des Holzes bemaß sich dabei nach der Häufigkeit seines Vorkommens, der Nachfrage und nach den Methoden der Holzernte.
Mit der industriellen Revolution und der Umstellung von Holz- auf Steinkohle ergaben sich einige Änderungen für die Holzwirtschaft und das Problem des Abtransports wurde neu überdacht, in dieser Zeit gab es – so um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert – einen genialen Erfinder mit Namen Franz Rummelburg, er war Österreicher, stammte aus einer alteingesessenen Försterfamilie und war selbst natürlich auch Förster.
Franz Rummelburg beobachtete die Natur sehr genau und er erfand aufgrund seiner Beobachtungen – vor allem von Gebirgsbächen – schließlich um 1918 eine geniale Wasserrutsche für den Abtransport von geschlagenen Bäumen der Bergwälder ins Tal. Sein von ihm patentiertes Transportsystem war so kostengünstig und so erfolgreich, daß Franz Rummelburg sehr schnell erkannte, daß ihm diese Erfindung nach heutigem Maßstab ein Millionenvermögen bescheren würde.
Trotzdem entschied er sich – ebenfalls sehr schnell – auf dieses Vermögen bewußt zu verzichten und keine weiteren Wasserrutschen mehr zu bauen, um die katastrophalen Folgen, die sein schnelles und kostengünstiges Transportsystem für seinen geliebten Wald haben würde, abzuwenden.

Herr Müller: Sehr schöne Geschichte Herr Mayer-Wabach, aber was hat diese hundert Jahre alte Geschichte mit unserem heutigen Umgang mit dem Wald zu tun?

Herr Dr. Mayer-Wabach: Nun Herr Müller aus dieser Geschichte ist beinahe alles für unseren heutigen Umgang mit dem Wald zu lernen. Wir können die Geschichte der Wasserrutsche von Herrn Rummelburg quasi wie ein Gleichnis verstehen.

Zu aller erst können wir daran lernen, daß wir immer eine Wahl haben, wir sind nicht gezwungen  – außer vielleicht von uns selbst – uns hemmungs- und bedingungslos unserer Gier nach immer mehr Geld und Wohlstand zu unterwerfen. Ein wichtiger Punkt ist, Herr Rummelburg und seine Familie konnten behaglich leben, so wie es die meisten von uns auch noch können, ein schöner und intakter Wald war ihm wichtiger, als ein riesiges Vermögen, er hat einfach andere Prioritäten in seinem Leben gesetzt, andere Werte waren ihm wichtiger als Geld! Er hat sein Lebensglück nicht an der Menge Geld gemessen, die er besaß, sondern an der Intaktheit der Natur und des Waldes.

Was wir als nächstes lernen können, ist etwas über das Eigenleben, das unsere Erfindungen beginnen, sobald sie in der Welt sind. Was Franz Rummelburg zunächst nur aus der Not, die ja bekanntlich erfinderisch macht, ersonnen hatte, nämlich möglichst schnell Windbruch vom Berg ins Tal zu transportieren, wurde ganz schnell nur noch nach seinem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt. Niemand der potentiellen Auftraggeber hat in der Erfindung Rummelburgs mehr gesehen, als ein kostengünstiges Transportsystem, um ganz schnell riesige Mengen an geschlagenen Bäumen aus dem Wald herauszuholen. Ob das für den Wald, wir würden heute sagen, für das intakte Ökosystem „Wald“ sinnvoll ist oder nicht, hat niemanden – außer den Erfinder selbst – interessiert. Und der hat – zum Entsetzen aller Auftraggeber mit ihren goldfunkelnden Augen – sich verweigert und da er, im Unterschied zu allen anderen, viel genauer die Natur beobachtet hatte und aufgrund seiner genauen Beobachtungen seine Erfindung so erfolgreich war, war es für andere nicht möglich seine Erfindung einfach nachzubauen und die Idee der Wasserrutsche als Transportsystem verschwand wieder ganz schnell von der Bildfläche.

Herr Müller: Alles schön und gut, Herr Dr. Mayer-Wabach, aber wir haben heute keine einzelnen, kautzigen Erfinder mehr, wir haben einen riesigen Markt, der bedient werden will und schließlich müssen wir doch auch an die vielen Arbeitsplätze denken, die es zu sichern gilt.

Herr Dr. Mayer-Wabach: Stimmt, heute haben wir keinen einzelnen Erfinder mehr, der sich dem Markt verweigern kann, sondern multinationale Konzerne mit millionenschweren Entwicklungsabteilungen, die sich der Wirtschaft und dem Markt niemals verweigern würden, die nur einen Aspekt kennen, daß die Wirtschaft und damit die Profitmaximierung funktioniert. Und weil das so ist, gibt es heute auch niemand mehr, der den Harvester, den Holzvollernter mehr in der Schublade verschwinden läßt, man will doch seinen „return on invest“ und außerdem kann der Harvester doch auch alles viel besser als wir Menschen, er fällt die Bäume sauber und super schnell, entastet die Stämme, zerkleinert die Äste zu Hackschnitzeln und legt die Stämme in den Rückgassen, die er natürlich unbedingt in großer Zahl benötigt, zum Abtransport mit dem Forwarder ab.

Herr Müller: Sie sagen es doch jetzt sogar selbst, der Harvester hilft doch nur den Menschen, er macht ihr Leben einfacher, er senkt die Unfallrisiken, und …

Herr Dr. Mayer-Wabach: … ermöglicht sogar sechs von sieben Waldarbeitern sich in Ihrer Arbeitslosigkeit selbst zu verwirklichen, statt hart im Wald zu arbeiten

Herr Müller: Das ist natürlich bedauerlich, ein gewisser Kollateralschaden, das man immer weniger Waldarbeiter braucht, aber die sind dann ja auch freigesetzt, um was anderes, sinnvolles in ihrem Leben zu machen und schließlich und endlich, was hätte man auch machen sollen bei der schnellen Aufarbeitung des riesigen Windbruchs z.B. der Orkane „Vivian“, „Wiebke“, „Kyrill“ und wie sie alle hießen und aufgrund des Klimawandels noch heißen werden.

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Aber Herr Müller, ist denn unser Wald unser Wohnzimmer, daß wir schnell wieder aufräumen müssen, wenn ein Sturm mit heftigem Regen durch ein vergessenes, offenes Fenster jede Menge Bruch und Wasserschaden angerichtet hat? Ich möchte mal an dieser Stelle ganz klar festhalten: Wir mußten nicht ganz schnell aufräumen, sondern wir wollten ganz schnell aufräumen. Wir sind schon in unserer Sprache unehrlich, wenn wir WOLLEN mit MÜSSEN vertauschen.
Viel wäre doch schon gewonnen, wenn wir wenigstens anfang würden, ehrlich zu sein bzw. wenigstens ehrlicher zu formulieren, wir müssen nicht den Harvester einsetzen, sondern wir wollen den Harvester einsetzen und wir nehmen es billigend in Kauf, daß wir mit dem System der Rückegassen, die der Harvester dringend benötigt, den Waldboden zerstören und nicht weil wir leider den Waldboden zerstören müssen sondern weil wir den Waldboden zerstören wollen, weil für uns andere Kriterien wichtiger sind, denn alles was wir sehen und billigend in Kauf nehmen, das wollen wir auch, weil wir verschiedenen Aspekte gegeneinander abwägen und uns immer wieder und immer mehr nach den Kriterien einer reibungslos funktionierenden Wirtschaft richten, die brummen muß, damit wir glücklich sein können.

Aber was ist eine „funktionierende Wirtschaft“, eine funktionierende Wirtschaft klingt wie ein völlig von uns und unserer Gesellschaft abgekoppeltes Gebilde, quasi wie ein Naturgesetz, gegen das wir nichts tun können, das seine eigenen Systeme und Funktionsweisen fern des Menschen hat und nach denen wir uns richten müssen, wenn wir überleben wollen. Aber ich sage es Ihnen ganz klar und deutlich, DIE WIRTSCHAFT GIBT ES NICHT, es mag trivial klingen, ist aber der Dreh- und Angelpunkt unserer Zukunft. Wir müssen uns immer wieder klarmachen, die Wirtschaft funktioniert (oder funktioniert für manche auch nicht) genau so wie wir es WOLLEN. Wir alle sind diejenigen, die die Prämissen vorgeben und wenn wir wollen, daß die Wirtschaft funktioniert, dann müssen wir erstmal sagen, was für uns „funktionieren“ bedeutet. Ich sag es mal ganz plakativ, für mich bedeutet eine funktionierende Wirtschaft der Zukunft sicher nicht, auf dem Weg der seelenlosen Optimierung und Profitmaximierung so weiterzugehen, wie bisher, wir sollten langsam etwas anderes Wollen wie bisher.

Herr Müller: Herr Mayer-Wabach lassen sie uns nochmal auf Ihre Kritik an unserem Umgang mit dem Wald zurückkommen. Was ist so schlecht daran, daß wir es uns als Menschen einfacher machen, daß wir nicht mehr im Schweiße unseres Angesichts die Bäume aus dem Wald holen müssen, sondern bequem mit einem klimatisierten Harvester und Forwarder

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Nicht der Harvester ist unser bewußtloser Sklave, der unser Leben einfacher macht, sondern wir sind die bewußtlosen Sklaven des Harvesters, dessen endloser Gier nach immer mehr Holz wir uns zu fügen haben, denn schließlich muß der Einsatz des Harvesters das Geld für die Rohstoffe, aus denen er gefertigt wird, verdienen, er muß für den Hersteller verdienen, er muß für den Waldbesitzer verdienen, er muß für den Dienstleister verdienen, dann muß natürlich auch der Holzverarbeiter durch günstige Einkaufspreise verdienen und der Konsument muß am Ende der Kette ja auch durch einen möglichst niedrigen Preis verdienen – und wie soll das gehen? Ganz einfach nach dem Grundsatz erfahrener Bankrotteure: „Am Baum machen wir Verlust – aber die Masse macht’s“. Aber Spaß beiseite, der Einsatz von immer aufwendigerer Technik – also auch immer teurer Technik, wir sprechen hier bei Grundausstattungen auch mal von Millionenbeträgen – macht eine entsprechende Menge von Holzeinschlag zwingend notwendig. Der Harvester-Einsatz wird in der Regel nach Leistung, also nach Festmetern bezahlt und mit 10 Festmetern am Tag können Sie keine Investitionen von mehreren hunderttausend Euro finanzieren. Da liegt es auf der Hand, das Maximum, was so ein Harvester und sein nachgeschalteter Forwarder kann, also nicht nur 60 oder 80 Festmeter sondern auch gerne mal 300 Festmeter am Tag rauszuholen.

Herr Müller: Aber ist es nicht zumindest in Deutschland inzwischen geregelt, daß nicht mehr Holz pro Jahr aus dem Wald geholt werden darf, als auch in einem Jahr nachwächst? Da werden die Forstverwaltungen doch sicher genau vorgeben, wieviel Holz geerntet werden darf.

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Theoretisch ja – praktisch nein! Der größte Teil der Holzernte wird in Deutschland von Dienstleistungsunternehmen ausgeführt und noch dazu von solchen, die bei europäisch vorgeschriebenen Vergabeverfahren ihre Leistung am günstigsten angeboten haben, hier geht eine Schere auf, wenn ich mit großen Investitionen, große Mengen schnell bewältigen kann, dann kann ich diese Mengen günstig anbieten, aber was ist dann mit kleinen Mengen? Da liegt es doch auch auf der Hand, Vorbedingungen für den Einschlag so zu „gestalten“, daß entsprechende Mengen, die der Harvester braucht, auch geerntet werden können – ökologische Erwägungen müssen dann zwangsläufig nachstehen, wenn man als Auftraggeber – der in der Regel die Forstverwaltung von Ländern und Gemeinden ist – nicht möchte, daß die beauftragten Dienstleister mit ihren immer gößer werdenden Maschinenparks reihenweise in die Pleite gehen.

Herr Müller: Könnte man – wenn dem wirklich so ist, wie Sie behaupten – das Vergütungsverfahren ändern oder muß man dann einfach auf modernste Technik verzichten, wenn man nicht genug erntereife Holzmengen zusammenbringt?

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Ja und Nein! Wir müssen ja nicht nur den jedes Jahr nachwachsenden Holzmengen Rechnung tragen, wir müssen ja auch dafür sorgen, daß wir ein ökologisch funktionierendes System „Wald“ erhalten und dazu gehören nun einmal nicht nur die richtigen Bäume in einer richtigen Anzahl und Mischung, dazu gehört zu allererst auch mal ein ökologisch intakter Boden, denn ohne intakten Waldboden, kein intakter Wald. Hier ist natürlich die Versuchung aller Beteiligten sehr groß, den Weg immer perfekterer Technik – sprich immer größerer Investitionen – zu gehen.
Selbst wenn kein Einsehen in ökologische Notwendigkeiten besteht, so ist das Interesse der weltweit agierenden Maschinenhersteller doch sehr groß auf alle Wünsche von Forstbetrieben einzugehen, denn das bedeutet Umsatz und Wachstum und noch will niemand dieses goldene Kalb des Kapitalismus schlachten.
Und damit schließt sich auch wieder der Kreis, denn wir sind wieder beim WOLLEN angekommen. Wollen wir wirklich auf dieser Einbahnstraße der Naturzerstörung für schnelle Profite weitergehen oder sagen wir einfach STOPP!

Herr Müller: Wie soll das in der Praxis funktionieren?

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Wir könnten uns den Erfordernissen der Natur überlassen, wir könnten das Leben in Harmonie und Gleichklang mit der Natur wieder als Wert anerkennen lernen – wir nehmen, was uns die Natur in reichlichem Maße gibt, aber kein Stück mehr. Wir geben uns den Grundsatz, so im Wald vorzugehen, daß nach unserem Eingreifen und Ernten im Wald niemand sieht, daß wir da waren und zwar nicht durch ausgeklügelte Kosmetik (nach dem Motto: Wir schütten zerstörte Rückegassen einfach oberflächlich zu und streuen Laub darüber!) sondern durch ehrliches, moralisch anständiges Verhalten und wenn durch dieses Verhalten der Holzpreis um 50 bis 100% steigt, dann sagen wir, das ist genau das, was wir wollen, denn wenn wir auf diesem Planeten eine Zukunft haben wollen, dann müssen die Preise, die wir für unser Holz ansetzen, nicht nur die ökonomische, sondern auch die ökologische Wahrheit sagen, so wie es Ernst Ulrich von Weizsäcker vorgeschlagen hat. Und zur ökologischen Wahrheit gehört der „ökologische Rucksack“, den all unsere Aktionen auf diesem Planeten tragen, von der Wiege bis zur Bahre!

Herr Müller:  Ein schönes Schlußwort Herr Dr. Mayer-Wabach. Wir müssen jetzt leider unser Gespräch beenden – ich bedanke mich für ihre Ausführungen, wenn gleich ich ehrlich zugeben muß, daß ich Ihre Thesen doch für sehr überzogen und an vielen Stellen sogar für – gestatten sie mir das Wort – weltfremd halte. Ich bin im Unterschied zu Ihnen doch der Meinung, daß wir nach wie vor am besten auf einen funktionsfähigen, brummenden Markt und eine ungebremste  Weiterentwicklung der Technik zum Wohle des Menschen auch in Zukunft vertrauen sollten. Meinen Sie nicht auch?

Quelle: http://oekoradix.de/?p=1068